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200 Jahre Schinkelkirche Großbeeren Notizen aus der Provinz Sanierung im Arbeiter- und Bauernstaat

 

„`Sehr verehrter Herr Professor! Sie haben uns geholfen‘.“

„Haben Sie das gehört, Genosse Leutnant? Er hat in den Westen geschrieben.“

„Wer denn, Genosse Hauptmann?“

„Na, unser lieber Freund, der Pfarrer. Datiert auf den 25. Juni 1985 ist der Brief. Legen Sie gleich einen operativen Vorgang an, Genosse. Ich lese weiter: `Sie haben uns während der schwierigsten Phase der Bemühungen durch ermutigenden Zuspruch, durch Versicherung Ihrer Hilfsbereitschaft und schließlich durch Vermittlung einer großzügigen Materialspende geholfen.´ Oh, Nachtigall, ich hör dir…Sie wissen schon: das hört sich nach Westdevisen an…“

„Genosse Hauptmann. Ich finde in der Akte hier noch einige Einträge: Der Pfarrer hat sich für die Sanierung seiner Kirche in Großbeeren an verschiedene staatliche Stellen gewandt…“

„Das tut jetzt nichts mehr zur Sache. Nehmen wir uns den Brief vor. Der ist aktuell. Was Sie lernen müssen: Noch mehr zwischen den Zeilen lesen! Erstens: Dabei ist nichts so, wie es scheint. Der Professor ist ein Agent aus dem Westen. Zweitens: Der Pfarrer bedankt sich für seine Hilfsbereitschaft und die Materialspende. Das soll heißen: Er bedankt sich für den Erhalt der Westdevisen. Was folgern wir daraus, Genosse Leutnant?“

„Es muss eine Gegenleistung erfolgt sein!“

„Sehr richtig. Und welche das ist, werden wir sicher aus dem Brief erfahren. Ich lese weiter: `Mit größter Freude kann ich Ihnen jetzt mitteilen, dass das Zinkblech heute bei uns eingetroffen ist.‘ Zinkblech… zinken. Das ist doch in der Gaunersprache ein Wort für Betrug…“

„…und „blechen“ ist ein anderes Wort für „Bezahlen“.

„Also die Betrugszahlung hat er erhalten…die Bezahlung aus dem Betrug also! Ich lese weiter: ‚Dadurch sind wir in der Lage, die für den Weiterbestand des Gebäudes entscheidend wichtigen Entwässerungsanlagen, dazu die missglückten Fialabdeckungen mit erstklassigem Material wiederherzustellen…‘

Entwässerung, Abfließen. Fialabdeckung, Dach. Er will die Gelder also wieder abfließen lassen. Ins Dach abfließen lassen?“

„Ich habs, Genosse Hauptmann. Das Dach will er abdecken! Die Dachorganisation soll also genügend finanzielle Mittel haben, um zum Abschluss ihrer Aktion zu kommen! Das Geld soll zum Dach abfließen und dann…“

„...dann soll eine Aktion starten. Lesen wir weiter welche: `Ohne Zweifel sind wir nun in die Lage versetzt, die langwierigen Bemühungen, um die Erhaltung dieses Schinkelbauwerks zu einem guten Ende zu führen.´Ungeheuerlich. Wenn das Bauwerk abgeschlossen ist, also die Zuführung von Westdivisen in eine Dachorganisation, dann soll die Aktion starten, Genosse Leutnant. Wenn also genug Geld da ist. Ich bin erschüttert. Hier steht weiter: `Wenn ich an diese für uns momentan noch kaum faßbare Wendung zum Besseren denke, möchte ich Ihnen jedoch nicht verschweigen, daß, nachdem bei unseren Versuchen, zu einem Abschluss der Bauarbeiten zu gelangen, wiederholt Fehlschläge hinzunehmen waren, das Gefühl der Sinnlosigkeit unsere Handlungsfähigkeit zu lähmen drohte (das Konsistorium hat bis heute z.B. noch keine Entscheidung darüber getroffen, ob und wie der Betrieb, der uns die unfachmännisch ausgeführten Arbeiten beschert hat, regresspflichtig zu machen ist)…‘ Fehlschläge. Wir sind ihm wohl einige Male in die Parade gefahren. Welche Handlungsdirektive würden Sie nach diesem ungeheuren Schreiben vorschlagen, Genosse Leutnant?

„In Abhängigkeit von der konkreten Lage unter feindlich-negativen Kräften ist auf die Einstellung bestimmter Personen, bei denen entsprechende Anknüpfungspunkte vorhanden sind, dahingehend einzuwirken, dass sie ihre feindlich-negativen Positionen aufgeben und eine weitere positive Beeinflussung möglich ist.“

Manfred Michael
Krischan Orth

RSSPrint

Letzte Änderung am: 06.01.2021