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200 Jahre Schinkelkirche Großbeeren Notizen aus der Provinz Schöne neue Welt

Jule Belitz hatte sich innerlich damit abgefunden, dass sie für ihren Rechercheauftrag in die Südstadt fahren musste. Auch, dass man hier immer noch auf selbstfahrend umstellen musste, weil die Kommunikation zwischen Auto und Netz hier nicht gut funktionierte, erheiterte sie eher und machte das ganze Unternehmen ein wenig abenteuerlich. Auch wenn sie sich wenig Erkenntnisgewinn von ihrem Auftrag versprach.

Jule stellte ihren Wagen in der Parkbox ab. In Böhrleen-City hatte sie noch ein Update gemacht. So konnte Jule im Vorbeifahren einfach per Klick die Daten auf ihre Festplatte laden und diese sich sichtbar auf ihrer Datenbrille anzeigen lassen. Ihre Kontaktlinsen waren gerade zur Reparatur. Jule holte aus ihrem Wagen ein Tablet, dass ihr aber nur als Schreibwerkzeug diente. Dann steckte sie ihre Datenbrille an ihr Revers.

So folgte die Reporterin der Straßenführung zu Fuß, vorbei an einem alten Verwaltungsgebäude, in dem früher eine Schule untergebracht war. Links und rechts starrten geduckte Häuser mit leeren Fenstern auf die Straße hinaus, die hier und da von mächtigen Serverhallen durchbrochen wurden, die allesamt unfertig und noch im Bau waren. Vor dem ehemaligen Schulgebäude erhob sich ein dicht bewachsener Wall. Jule ging darauf zu und schob den Bauzaun beiseite. Vor ihr lag eine wildwachsende Wiese, an deren Spitze ein verhüllter Kasten lag, aus dem kleine Turmspitzen ragten. Rechts von dem verhüllten Gebäude, dass der alte Sakralbau sein musste, lag ein altes Backsteinhaus. Von dort erklang eine Melodie, die sie noch nie gehört hatte. Vorsichtig näherte sie sich dem Haus. Diese Melodie war so schön, dass ihr unwillkürlich Tränen in die Augen kamen. Was war es nur? Diese Schallwellen, die ein so starkes Gefühl in ihr hervorriefen, wie sie es selten zuvor erlebt hatte. Wie konnten bloße Luftzirkulationen ein so starkes Gefühl bei ihr hervorrufen? Der Türgriff gab nach, und leise schlich sie hinein. Rechts von ihr tat sich ein kleiner Saal auf, von dem der Schall am stärksten ausging. An einem hölzernen Gerät saß ein alter Mann, den Rücken zur Tür, und drückte Tasten. Bei jedem Eindrücken brachte dieses Gerät eine neue Kombination von Schallwellen hervor. „Das ist ein Klavier“, sagte der Mann, ohne das Drücken zu unterlassen und sich umzudrehen. Dann pausierte er, wandte sich sitzend um, und lächelte. Seine haarfeinen Falten unter seinen Augen spannten sich. „Ich habe gerade etwas von Bach gespielt.“ Die Datenbrille leuchte jetzt an Jules Revers. Sie setzte sie auf, drückte am rechten Ringfinger auf „on“ und stellte schnell auf Sprachfunktion um. Aus Versehen hatte sie nicht lautlos gestellt, so dass die Datenbrille sagte: „Johann Sebastian Bach, war ein deutscher Komponist, Kantor sowie Orgel- und Cembalovirtuose des Barock.“ Hastig suchte sie nach der Lautlosfunktion. „Ach lassen Sie doch das“, sagte der Mann. „Stellen Sie das dumme Ding ab.“ Jule zögerte. „Mit wem habe ich denn die Ehre?“, fragte er schließlich. Jule verstand seine altertümliche Ansprache nicht sogleich, ahnte aber, dass er sich vorstellen wollte. Sie sagte: „Sich vorzustellen bedeutet viel mehr, als nur den eigenen Namen zu sagen; es ist eine Art, um eine Verbindung mit jemand Neuem herzustellen, indem man Worte und oft auch körperlichen Kontakt teilt.“ Der Mann verdrehte die Augen. „Darf ich mal?“, fragte er, und ohne die Antwort abzuwarten, nahm er Jule die Brille ab und betätigte die Austaste. Jule hatte von den rauen Sitten gehört, die in der Südstadt herrschten. Jetzt war sie damit unmittelbar in Berührung gekommen. „Ich bin Jule Belitz. Ich recherchiere für die Böhrleen Nachrichten Post. Mein Chef erzählte mir, dass hier, an diesem Ort, ein altes Sakralgebäude sein 400 jähriges Jubiläum feiern würde.“ „Ja, sehen Sie denn eine Feier? Ich habe selbst das genaue Datum vergessen. Früher wusste man noch etwas mehr über die Kirche. Oh, verzeihen Sie, jetzt habe ich mich gar nicht vorgestellt. Ich bin Claudius Abrahmus, der Heiligendiener hier.“ Jule blickte ratlos auf die Brille in den Händen des Mannes. „Entschuldigen Sie, die bekommen Sie natürlich zurück. Aber bitte nicht wieder anstellen. Man kann sonst kein vernünftiges Wort miteinander wechseln.“ Das war wieder diese Südstadt-Einstellung. Ja, niemand schien hier über die Datenbrillen oder -linsen Informationen auszutauschen. Sie hatte schon davon gehört, dass viele sich nur oral unterhielten. „Ich diene hier den letzten Heiligen, die übrig geblieben sind“, lachte er. Jule lächelte, ohne den Sinn zu verstehen. „Na, dann kommen Sie, ich werde Ihnen etwas über den Sakaralbau erzählen.“ Sie gingen ins Freie. Jule entdeckte eine große Plane, rechts vom Haus, die sie beim Eintreten gar nicht bemerkt hatte. „Werfen Sie ruhig einen Blick hinein“, sagte der Sakraldiener. „Das sind die alten Glocken, die man vor 200 Jahren neu eingesetzt hatte. Sie wurden zu schwer für das alte Gebälk, so dass man sie abhängen musste. Auch einige Turmspitzen hat man entfernt, um den Bau zu retten, die stehen hinten im Garten. Wann wieder alles aufgebaut wird, ist nicht klar. Sie wissen ja, wie die Prioritäten gesetzt werden.“ „Nach Gebrauch und Funktionalität zuerst“, erwiderte Jule beflissen. Der Heiligendiener warf ihr einen Blick zu, den sie wieder nicht richtig deuten konnte. Sie zog ihr Tablet heraus, um mitzuschreiben. „Ach, das ist ja drollig, sie benutzen noch ein Tablet zum Schreiben“, sagte der Heiligendiener. Jule war ein wenig stolz auf diese Marotte. Überhaupt hatte sie ein Faible für alte Sachen. „Kommen Sie“, forderte er sie auf, ohne auf die Frage zu antworten. Er schob die Plane beiseite und öffnete die Tür zur Kirche. Innen waren die Bänke abgedeckt. Auch der Altar, unter dem die Form des Gekreuzigten sich abbildete. Er kramte in seiner Innentasche. „Schauen Sie. Ich habe hier auf diesem Papier Notizen zur Schinkelkirche. Wahrscheinlich hieß der Erbauer so, denn ein Heiliger namens „Schinkel“ ist in dieser Gegend nicht bekannt. Wir haben noch einige Zeugnisse von dem 200-jährigen Jubiläum der Kirche. Davon wissen wir noch etwas.“ Unvermittelt erstarrte er. Jule rührte ihn vorsichtig mit der Fingerspitze an, aber jedes Leben schien aus ihm gewichen zu sein. Vom Kircheneingang hörte sie ein Lachen. Ein Mann, der dem Heiligendiener sehr ähnelte, trat mit einem Akku ein. „Entschuldigen Sie bitte. Ich habe jedes Wort mitgehört, aber unserem Abrahmus muss von Zeit zu Zeit der Akku getauscht werden, er wird älter. Er ist mein Avatar“, fügte er erklärend hinzu. Er öffnete eine Stelle am Hosenbein und ersetzte das Gerät. „Zur 200–Jahr-Feier hätte er ihnen aber auch nichts sagen können, hier fehlen ihm die Updates. Was ich Ihnen noch sagen kann: Es war zur Zeit der 1. Pandemie. Viel gefeiert hat man wohl nicht. Ich bin auch nicht so für Jubiläen. Haben Sie noch Fragen?“ Jule blickte sich im Kirchraum um, dann zu den beiden Heiligendienern. Viel hatte sie nicht erfahren. Sie steckte ihr Tablet ein. „Ich danke Ihnen für Ihre Kooperation“, sagte sie schließlich und ging aus der Kirche hinaus auf die Wiese.

Auch wenn dies eine gewöhnliche Begegnung mit wenig Erkenntnis-gewinn war, so empfand sie doch eine Spur von Rührung, als sie wieder Richtung Böhrleen fuhr. Sie wusste nicht, woher dieses Gefühl kam.

Manfred Michael
Krischan Orth

Das ist die letze Geschichte unserer Reihe „Notizen aus der Provinz“.

Vielen Dank dafür an Herrn Michael und Herrn Orth.

Letzte Änderung am: 17.02.2021