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Nachrichten aus der Schinkelkirche Großbeeren 9. Oktober 1760 – Eine Nacht im Siebenjährigen Krieg

 

Es dunkelte bereits, als Pfarrer Parisius nach dem Federkiel griff. Er strich über das weiße Pergament. Die Feder quoll vor schwarzer Tinte. Dann legte er sie wieder beiseite. Sein Blick wanderte über einen Stapel geordneter Blätter: Die vergilbten Schriften seiner Vorgänger. Hauptsächlich fanden sich dort Schriften des Pastors Kortum aus dem 18. Jahrhundert.

Draußen, im Schatten, harrten Giebel und Turm der Kirche. 78 Jahre sind eine lange Zeit, dachte Parisius. So lange stand die neue Kirche hier. Beinahe so lange, wie es hier keine gab. Dann drehte er die Öllampe etwas heller, und kratzte mit der Feder auf das Papier: „Die Kirche zu Großbeeren.“

Seine Hand stockte. Wenn man von der Kirche schreiben will, dann muss man von der Ruine schreiben, die zuvor dort stand. Und wenn man von der Ruine schreiben will, muss man von der Kirche schreiben, die Ruine wurde. Das war klar. Also Kirche, Ruine, Kirche...Parisius runzelte die Stirn. Was würde wohl in 100 Jahren an ihrem Platz sein? Unvorstellbar.

Mitten in diese Überlegungen drang von draußen ein unbestimmter Lärm ein. Wie der dumpfe Niederschlag hunderter Hufe. Vereinzelte Schreie durchschnitten die Nacht: „Sie kommen.“

Der Pfarrer eilte die Treppe hinunter ins Freie. Kleine Sterne tanzten am Horizont. Je größer sie wurden, desto lauter wurde das rhythmische Hämmern der Pferdehufe. Er hatte den Eindruck, dass die Erde beben müsste.

Die nahenden Reiter warfen ihre Fackeln auf die Strohdächer und drangen in die Gehöfte ein. Bald strömten sie auf die Dorfstraße, die ersten Häuser gerieten in Brand. Mit dem Kantschu peitschten sie jeden, der in ihre Nähe geriet oder einen Löschversuch unternehmen wollte. Betäubt vom Geschehen drückte sich Parisius in den Schatten der Friedhofsmauer. Ein Gefühl der Unwirklichkeit beschlich ihn. Was war passiert? Im Schein ihrer Fackeln sah er ihre hohen, als Papacha bekannten Fellmützen. Ihre blauen Uniformen wirkten abgenutzt. Unaufhörlich knallten ihre Peitschen. Er kannte sie aus Beschreibungen und Bildern. Es mussten Kosaken sein.

Einer von ihnen deutete auf die Kirche. Schon sammelte sich ein Pulk und es schien, als wenn sie genau auf Parisius zu hielten. Unter Gejohle galoppierten sie auf die Kirche zu, sprangen über die Mauer und warfen Fackeln auf ihr Dach. Parisius drehte sich um. Sofort griffen die Flammen auf den Turm über. Er schwitzte, als wenn die Hitze der Flammen in seinem Gesicht loderten...

Da öffnete er die Augen. Es war Morgen. Er musste über der Lektüre Kortums am Schreibtisch eingeschlafen sein. „Was für ein schrecklicher Alb“, raunte der Pfarrer. Sofort ergriff er die Feder, aber die Tinte war getrocknet. Er blätterte noch einmal in den Aufzeichnungen von seinem Vorgänger. Dann begann er zu schreiben.

„Die Glocken waren beim Brande geschmolzen und in die Asche geflossen. Man suchte das Glockengut mühsam zusammen und ließ mit Hilfe eines kleinen nach dem Kriege geretteten Kapitals von etwa 80 Thalern zwei neue Glocken gießen, die man in einem Holzgerüst neben der Kirchenruine aufhing. Das geschah 1767 und 1770.“

Krischan Orth

 

RSSPrint

Letzte Änderung am: 03.01.2020