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200 Jahre Schinkelkirche Großbeeren – Nachrichten aus der Provinz

5. Teil

Ein leibhaftiger Schwamm

 

"Der Leibhaftige, der Leibhaftige!" Außer Atem und zitternd am ganzen Körper kam die Hofmagd Eveline vor Pfarrer Carl Schultze zum Stehen, der gerade auf dem Weg zur Kirche war. "Bei meiner Seele Herr Pfarrer", sie verdrehte die Augen und zischte: "Der Leibhaftige war in unserer Kirche." Der Geistliche runzelte die Stirn. "Beruhige Dich. Der Leibhaftige war schon lange nicht mehr in Großbeeren" und er überlegte, ob dies eigentlich überhaupt schon mal der Fall gewesen war. Die Magd ließ nicht ab. "So kommen Hochwürden und sehen Sie selbst."

Hochwürden hob die Arme. "Wartet einen Augenblick. Ich bin für solche Begebenheiten vorbereitet." Geschwind eilte er in das Pfarrhaus zurück, und kam mit einem kleinen Kreuz wieder. "Du kannst durchaus vorangehen, immerhin hast Du die Erscheinung gesehen." Die Magd öffnete die Kirchentür. "Schon seit einiger Zeit" flüsterte sie, "riecht es nach Schwefel, und stets vernehme ich einen merkwürdigen Geruch." "Ja, ich ebenso", gab der Pfarrer zurück. "Ich würde jetzt sagen, dass es eher muffig riecht." Sie zogen an den Holzbänken vorbei, und lauschten. Draußen zwitscherten die Amseln.

"Neben dem Altar." Eveline zeigte nach vorne, auf einen großen Schatten am Gemäuer. Zwei Hörner schienen von einem pferdekopfartigen Wesen abzugehen, das auf den Hinterbeinen stehen musste. Gerade als Pfarrer Schultz das Kreuz erhob, bemerkte er den Ursprung des ungewöhnlichen Schattenwurfs. Ein grüner Belag mit weißem Rand hatte sich an der Mauer und der Holzkonstruktion festgesetzt. Der Pfarrer kniff die Augen zusammen. "Wenn man genau hinsieht", sagte er, "so würde ich sagen, dass es sich um Schimmel handelt." Diesen hatte er bereits vor Tagen mit Schwefeloxid behandelt, das eigentlich zum Schutz der Kräuter im Pfarrgarten diente, und hier seine Wirkung nicht so recht entfalten wollte. "Aber sehen Sie doch Hochwürden. Hier bilden sich deutlich die Hörner heraus." "Du kannst beruhigt sein. Das Kreuz werde ich jetzt nicht brauchen. Dieses Gebilde ist zwar hinterlistig. Aber ich werde in dieser Sache Beistand bei der hiesigen Behörde suchen." "Auf den Bericht vom 31ten Mai des Jahres, die Gros Baerensche Kirchenbausache betreffend." Pfarrer Schultze las das Antwortschreiben der Behörde laut am Frühstückstisch vor. "Der Herr Bau Inspektor Dieme ist heute benachrichtigt, die Schäden zu untersuchen und die zu deren Abstellung nötigen Kosten zu veranschlagen. Vom Erfolge soll näherer Bescheid abhängen. Potsdam den 24. Juli 1824. Königlich Preußische Regierung, Erste Abtheilung."

Durch das Fenster sah der Pfarrer eine Kutsche eintreffen. Ein junger Mann stieg aus und musterte sogleich die Kirche. Noch mit dem Schreiben in der Hand, trat der Pfarrer ihm entgegen. "Gestatten Sie: Bauinspektor Heinrich Dieme, Königlich Preußische Regierung, Erste Abteilung. Sie sind sicherlich Pfarrer Schultze, der die Schäden am hiesigen Bauwerk anzeigte. Ich bitte daher um Einlass, dies zu begutachten." Sie gingen durch die Reihe der Holzbänke, bis sie die Stelle mit dem Schimmel erreichten. "Ah ha. Sepurla Lacrymans", sagte der Bauinspektor beflissen, "ein Hausschwamm. Kommt vor, wenn Feuchtigkeit in das Gebäude dringt. Es kann aber auch genauso gut sein, dass die Verarbeitung zu hastig vollzogen wurde und die Baustoffe noch nicht richtig getrocknet waren. Also Pfusch." Pfarrer Schultze sah ihn fragend an. "Pfusch ist die eigentliche Ursache für Schäden und Verzögerungen", dozierte Dieme weiter, "daher anempfehle ich Ihnen ein kleines Fläschchen mit einem durchsichtigen Elixier, von dem ich hier eine Probe habe. Weitere Flaschen werde ich Ihnen zukommen lassen."

Der Bauinspektor reichte dem Pfarrer das Fläschchen. "Dieses Elixier ist für Mensch und Tier hochgiftig. Es handelt sich um Quecksilber. Vielleicht können Sie Ihren Küster damit betrauen." Er verneigte sich leicht, und verschwand so schnell, wie er gekommen war. Nun stand der Pfarrer noch lange in der Kirche, in der Hand, das verheißungsvolle, giftige Fläschchen. Da fühlte er in seiner Tasche das hölzerne Kreuz. Er hob es gegen das Ungebilde und betete: "Herr, hüte uns vor allem Bösen." Manfred Michael Krischan Orth "Die Doku-Fiktion basiert auf historischen Dokumenten/Fakten des Kirchenarchivs Großbeeren."

 

 

4.Teil

Prinzessinnen auf Besuch

„Ach, liebe Tante, ich würde es durchaus nicht als Strafe sehen.“ Prinzessin Alexandrine blickte aus dem Kutschfenster, und betrachtete die vorbeiziehende Landschaft. „Einige Wochen in Abgeschiedenheit werden uns gut tun.“ Prinzessin Wilhelmine schüttelte den Kopf und raffte ihr Kleid zusammen, denn bald sollten sie ankommen. „Du liest zu viel. Überhaupt finde ich, man sollte Romane verbieten. Sie haben eine überaus schlechte Einwirkung auf das jugendliche Gemüt. Einsamkeit, Abgeschlossenheit – das sind romantische Spielereien und keine Attribute, die das Leben spiegeln. Hast du den Werther gelesen?“ „Aber natürlich, liebste Tante. Dieses Gefühl…“ „Ja, mein Kind, wissen Sie denn, wie schädlich er gewirket hat. Wie viele Entleibungen allein dieser Schrift folgten?“ „Aber liebe Tante. Es geht um die absolute Liebe, um Hinwendung, darum, etwas zu tun, was man wirklich will.“ „Kann man denn unwirklich etwas wollen mein Kind?! Sehen Sie doch ein, dass es sich nur um große Reden handelt.“ „Sie wollen wirklich doch gar nicht mit auf diese Reise, liebe Tante. Aber Sie sind wirklich dabei. Und mein Gefühl sagt mir, dass es gut wird.“ Prinzessin Wilhelmine schüttelte erneut den Kopf. „Jetzt machen Sie sich über mich lustig.“

Es klopfte ans Wageninnere, die Kutsche hielt an. „Oh wie aufregend.“ Alexandrine stieg behänd nach draußen. „Oh, wie aufredend dieses Großbeeren“, äffte sie Wilhelmine nach. „Was werden Sie erst sagen, wenn sie einige Wochen in der ärmlichen Pfarrerklause zubringen. Welche Idee ritt bloß Euren Vater?“ Alexandrine drehte sich um, nahm eine steife Haltung ein, und spitzte die Lippen feierlich: „Liebste Tante, Sie wollen doch nicht meinen Vater den König fluchen? Darauf stehet Auskitzeln bis in den Tode.“ Dann lief sie voran, und rief zurück: „Die einzig wahre Seele ist die, die liebt.“ „Ach, das arme Kind, wie grausig verzogen sie doch ist“, murmelte Wilhelmine. „So warten Sie doch.“ Alexandrine eilte begeistert zurück. „Oh, sehen Sie liebste Tante. Alles ist herrliche Natur. Wir sind Natur. Eine wunderbare Heiterkeit hat meine Seele eingenommen, gleich dem süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzen Herzen genieße. Ich bin allein und freue mich meines Lebens in dieser Gegend.“ Argwöhnisch blickte sie Wilhelmine an. „Erstens: wir haben Herbst. Zweitens: Sie sind nicht allein. Drittens: Auch wenn ich Natur bin, so kleide ich meinen Steiß. Viertens: War dies etwa ein Zitat aus dem Werther?“ „Ja, liebste Tante. Und das konnten Sie nur wissen, weil Sie ihn selbst gelesen haben. Sie bringen mich auf die Idee zu einem Spiel. Ich werde fortan nur mit Werther Zitaten antworten, um ihnen zu beweisen, dass Weisheit in diesen Zeilen steckt.“ Wilhelmine seufzte und schüttelte stumm den Kopf, und so kamen die Prinzessinnen auf dem Großbeerener Kirchhof an. „Etwas klein geraten, aber ein echter Schinkel, nicht schlecht“, raunte Wilhelmine. „Und das mitten in der Einöde.“ „Die Einsamkeit ist meinem Herzen köstlicher Balsam in dieser paradiesischen Gegend“, erwiderte Alexandrine.

Pfarrer Carl Schultze winkte ihnen von weiten zu. Er stand vor dem Pfarrhaus, um die hohen Herrschaften in Empfang zu nehmen neben dem aufgestapelten Gepäck der Majestäten, das gerade angekommen war. „Welch große Freude, nach dem herrschaftliche Besuch Seiner Majestät, nun auch die königlichen Herrschaften empfangen zu dürfen.“ „Die Ehre liegt auf unserer Seite“, erwiderte Wilhelmine. „Ich lebe so glückliche Tage, wie sie Gott seinen Heiligen aufspart“, sagte Alexandrine. Pfarrer Schultz verneigte sich tief vor ihr. „Wir werden Ihnen einen genehmen Aufenthalt in unserem Weiler verschaffen.“ „Jeder Baum, jede Hecke ist ein Straus von Blumen, und man möchte nur Mayenkäfer werden, um in dem Meer von Wohlgerüchen herumzuschweben.“ Pfarrer Schultz blickte irritiert zur Seite, denn vielleicht meinte seine Hoheit den Küsterstall, und das war ihm recht unangenehm. Prinzessin Wilhelmine rieb sich die Stirn, und der Pfarrer glaubte, dass ihr unwohl sein könnte. Er fragte sich ob er ein guter Gastgeber für solch hohe Persönlichkeiten sein könnte, als Prinzessin Wilhelmine seine Gedanken kreuzte. „Ich denke“, setzte sie an, „dass der Prinzessin der Umgang mit gewisser Literatur einen gewisses Verhalten auferlegt hat, dass seine Majestät in sorgsamer Umgebung wie der ihrigen vielleicht wieder ablegten könnte.“ Das war halb an den Pfarrer und an Alexandrine gewendet, die aber trotzig antwortete: „Man predigt gegen so viele Laster, ich habe noch nie gehört, dass man gegen die üble Laune vom Predigtstuhl gearbeitet hätte.“ Pfarrer Schultze, der stets auf Ausgleich bedacht war, beschwichtigte: „Gewiss, da lässt sich sicher etwas machen, königliche Hoheit. Eine überaus heitere Idee, wie ich finde. Finden Sie nicht auch gnädige Hoheit?“, fragte er, und wandte sich an Wilhelmine. Diese schwieg, vielleicht war ja ihre Reise beschwerlich gewesen. „Zunächst steht alsbald die Taufe meiner kleinen Tochter an“, setzte der Pfarrer seine Rede fort. Wilhelmine räusperte sich. „Unsere Majestät der König hat erwogen, in Anbetracht der baldigen Taufe, dem Gotteshaus ein üppig geschmücktes Taufbecken zukommen zu lassen, das den neuen Bau trefflich schmücken wird. Es wird in Kürze eintreffen, so dass die Taufe des Kindes bald vorgenommen werden kann.“ „Sie wissen eure Hoheit, dass dies für mich eine sehr große Ehre bedeutet“, antwortete der Pfarrer, „so dass ich Sie beide bitte, dem Kind Pate zu stehen. Natürlich erhält das Kind den Namen seiner hoheitlichen Paten.“ Wilhelmine nickte dem Pfarrer zu. „Darf ich die Herrschaften in das bescheidene Haus bitten?“, fragte er in tiefer Verbeugung, und Wilhelmine erwiderte, während sie eintraten: „Wir Menschen beklagen uns oft, dass der guten Tage so wenig sind, und der schlechten so viel.“ Da prustete Alexandrine los, und konnte vor Lachen nicht vorbringen, dass es jetzt ihre Tante war, die zitierte. Der Pfarrer freute sich, dass er so heitere Gäste hatte. Und Wilhelmine vervollständigte: „Wenn wir immer ein offenes Herz hätten das Gute zu genießen, das uns Gott für jeden Tag bereitet, wir würden alsdann auch genug Kraft haben das Übel zu ertragen, wenn es kommt.“

Manfred Michael

Krischan Orth

 

 

3. Teil

Seine Majestät vergewissert sich

Der Geruch von Schweinemist stieg König Friedrich Wilhelm III. in die Nase, als er in Gedanken vertieft Richtung Großbeerener Kirchturmspitze schlenderte. Drinnen, in der neuen Kirche, hörte man das Kehren der Besen, denn morgen sollte die große Einweihung gefeiert werden.

Überaus zufrieden musterte seine Majestät den neuen Kirchenbau: Giebel, Türmchen und Fenster. „Ein echter Schinkel“, murmelte er, gotisch modern. Die Flügeltüren standen weit offen, und ein Anflug von Euphorie ließ ihn eintreten, obgleich er ungern erkannt werden wollte. Zwei Invaliden fegten Staub und Mörtelreste zusammen. Mit einem stummen Gruß nickten sie kurz dem Eintretenden zu, ohne recht auf seine Erscheinung zu achten. Der König, etwas irritiert, dass man ihn nicht erkannte, lehnte sich an eine Bank. Er war in Gönnerlaune. „Schön Ihre Neue Kirche“, sagte er. Die beiden schienen sehr in ihre Arbeit vertieft oder sie hörten nicht mehr gut, so dass der König etwas lauter wiederholte „schön die Kirche.“ Da blickten sich beide an, und zumindest einer von ihnen brummte zustimmend. „Wer hat denn diese prächtigen Kirchenbau angeordnet?“ begann der König von neuem. Und als wieder keine Antwort kam: „Ein so prächtiger Bau kann wohl nur an oberster Stelle angeordnet sein.“ „Ja“, antwortete der eine Invalide schließlich, der zuvor gebrummt hatte, und stütze seinen grauen Vollbart auf den Besen. Der andere schien gar nicht sprechen zu können. „Ja“, antwortete er, aber zu spät.“ Seiner Majestät fiel ein, dass die Einweihung der Kirche eigentlich auf den 23. August fallen sollte, des Datum, an dem die Bataille von Großbeeren siegreich geschlagen wurde, aber die Bauarbeiten nicht schnell genug voran gegangen waren. So hatte man als Datum den 08. Oktober gewählt, eingedenk der Einäscherung der alten Kirche durch Kosaken. Und eigentlich war dieses Datum auch falsch, es wäre der 09. Oktober richtig gewesen, aber das war ein Montag. „Gut 60 Jahre zu spät“, unterbrach der Invalide den Gedankengang des Königs. „So lang stand hier nämlich keine Kirche.“ Und der Stumme zeigte in die Nähe des Altars. Unweigerlich folgte der König seinem Fingerzeig. „Und was sehen Sie dort edler Herr?“, fragte der Invalide und stütze sich wieder auf seinen Besen. Dass es sich um einen edlen Herren handeln musste ahnte der Invalide, denn Stiefel und Uniform waren tadellos. Der König blickte vorbei an dem für morgen geschmückten Altar. „Richtig, edler Herr, Sie sehen nichts. Hier wäre durchaus Platz für einen Taufstein gewesen. Aber dass in Großbeeren sich die Christenheit vermehrt, scheint bei der Obrigkeit keinen Nutzen zu haben.“  Der König musterte den Invaliden eindringlich. „Bei ihrem Weg“, so fuhr er fort, und humpelte ein paar Schritte weiter, um seine Arbeit fortzusetzen, „wird Ihnen sicherlich der eindringliche Geruch von Schweinemist aufgefallen sein, der vom Küsterstall kommt. Schickt sich das für einen so edlen Bau? Und unsere Schule ist so klein, dass die meisten Kinder keinen Platz haben und kein Licht, um in ihre Bücher zu schauen.“ Wieder begannen beide stumm zu fegen.

Seine Majestät zog die Brauen nach oben, wandte sich ab, und marschierte ins Pfarrhaus. Dort empfing der Pfarrer überrascht aber in allen Würden. Eilends wurde die Witwe von Geist herbeigerufen, die Frau des letzten Lehensherren. Der König sprach seine Zufriedenheit  über den Bau aus, und wurde von der kleinen Entourage in die Kirche begleitet. Die Orgel donnerte bei seinem Einritt. Seine Majestät blickte sich um, und suchte die beiden Invaliden. Sie waren aber verschwunden.

Manfred Michael

Krischan Orth

 

 

 

 

 

2.Teil

Denkmal oder Kirche?

"Wo ist denn dieses Großbeeren?" Abwechselnd fiel sein Blick dabei auf die beiden Begleiter, und den Nebel vor dem Kutschfenster. Gerade war der Wagen zum Stehen gekommen. Die Begleiter öffneten schnell die Tür, und sprangen voran.

"Der Gesandte des Königs, seine Exzellenz der Geheime Oberbaurat Eytelwein", rief sein Kammerdiener. "Ich kenne meine Titel", fügte dieser mürrisch hinzu. Dabei versank sein rechter Stiefel sogleich knöcheltief im Lehm. "Und meinen Namen. Also: bitte um Antwort." "Exzellenz, Sie stehen bereits auf Großbeerener Boden." Der Geheime Oberbaurat blickte an sich herunter. Beinahe wäre er in einen riesigen Kuhfladen getreten. "Aha", erwiderte er. "Ich sehe aber nur Nebel und Regen."

Es nieselte leicht, als die drei Gestalten, Oberbaurat und Kammerdiener, sowie ein Landvermesser, durch den lehmigen Boden voran stapften. "Der Gesandte des Königs, seine Exzellenz der Geheime Oberbaurat Eytelwein", rief der Kammerdiener in den Nebel laut aus, worauf hin ihn Eytelwein heftig am Ärmel zog. "Verrückt oder was?! Denkt wohl, dass mich jeder hier kennt, bin doch keine königliche Majestät. Womöglich wartet mir noch dieser sogenannte Geist von Beeren auf. Dann muss man sich diese Geschichten à la Münchhausen anhören, oder Neuigkeiten seiner absurden Streitigkeiten. Ruhe und Diskretion also."

So stapften sie schweigend durch schlammigen Grund, bis Eytelwein aufforderte, den König zu zitieren: "Zitat Lieblingssatz." Nur der Kammerdiener wusste worum es ging, und er kannte auch die Angewohnheit seiner Majestät, die Personalpronomen während der Rede wegzulassen, was manchmal Anlass für Verwirrungen bot. So begann er das Bonmot des Königs zu zitieren: "Jeder Staatsdiener hat doppelte Pflicht: Gegen den Landesherren und gegen das Land..." "Gegen das Land", wiederholte der Oberbaurat halb zu sich, entzückt, als wenn er die Worte nicht kennen würde. "Fahren Sie fort." "Kann wohl vorkommen", so der Kammerdiener weiter, "dass die nicht vereinbar sind, dann aber ist die gegen das Land die höhere." "Ausgezeichnet", entfuhr es dem Landvermesser, der nicht wusste, wie er mit seiner Exzellenz am besten reden sollte. Da niemand ihm erwiderte, dachte er vielleicht etwas Dummes gesagt zu haben, und wollte fortan lieber schweigen.

Sie hatten nach einer kleinen Anhöhe den Kirchhof erreicht. "Hier", setzte der Kammerdiener wieder zur Rede an. "Hier kämpfen die Bauern und Soldaten tapfer für Preußens Gloria. Ein Geniestreich General von Bülows führte die Truppen..." Abermals zog Eytelwein den Kammerdiener am Ärmel, diesmal etwas heftiger. "Seine Majestät wünsche den Namen Bülow nicht zu nennen. Selbiger hatte schlicht Befehle missachtet." "Wenn ich einwenden darf", meldete sich nun der Landvermesser zu Wort, während ihn der Kammerdiener seiner Exzellenz mit heftigem Handwinken davon abzubringen versuchte. Der Landvermesser wollte seinen Fauxpas von vorhin wieder ins rechte Licht rücken. "Eure Exzellenz geruhten doch selbst zu bemerken: die Pflicht gegen das Land sei die größere. Ohne sein Eingreifen würden wir hier nicht stehen." Der Kammerdiener sackte zusammen, und zog die Schultern nach oben. "Wir sind hier", zischte Eytelwein, "um den getreuen Untertanen seiner Majestät ein Denkmal zu setzen. Also: walten Sie ihres Amtes. Wenn ich einen Landvermesser um Rat frage, dann möge er sich melden."

Der Kammerdiener atmete kurz erleichtert auf, während der Landvermesser hastig einige Instrumente aus der Tasche zog. Geflissentlich machte er große Schritte, blieb kurz stehen, und schritt ein unsichtbares Viereck ab. "Was meinen eure Exzellenz hierzu?", fragte er sodann.

Mürrisch ließ Eytelwein ihn wissen, "dass er nur gekommen ist, um einen Platz für ein Denkmal zu finden."

"Ich glaube Exzellenz", erwiderte der Kammerdiener, "dass er nicht so recht weiß wohin damit." "Na, neben die Kirche natürlich, wie jedes Denkmal", antwortete der Oberbaurat.

"Wenn ich hier abermals einwenden darf", stotterte der Landvermesser, "Großbeeren hat keine Kirche mehr. Sie wurde in dem sieben Jahre währenden Krieg durch Kosaken niedergebrannt." Eytelwein lief rot im Gesicht an, erkannte jetzt aber durch den langsam sich lichtenden Nebel die Kirchenruine und ein kümmerliches Gerüst, in dem zwei Glocken hingen.

"Aha", murmelte er, überlegte kurz und sagte zum Kammerdiener gewandt: "Lassen Sie seiner Majestät unverzüglich ausrichten, wie es hier mit der Kirche steht. Möge seine Majestät, der Markgraf von Brandenburg und Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches, Friedrich Wilhelm III., König von Preußen, seine diesbezüglichen Dispositionen treffen."

Manfred Michael

Krischan Orth

 

1. Teil

9. Oktober 1760 eine Nacht im Siebenjährigen Krieg

Es dunkelte bereits, als Pfarrer Parisius nach dem Federkiel griff. Er strich über das weiße Pergament. Die Feder quoll vor schwarzer Tinte. Dann legte er sie wieder beiseite. Sein Blick wanderte über einen Stapel geordneter Blätter: Die vergilbten Schriften seiner Vorgänger. Hauptsächlich fanden sich dort Schriften des Pastors Kortum aus dem 18. Jahrhundert. Draußen, im Schatten, harrten Giebel und Turm der Kirche. 78 Jahre sind eine lange Zeit, dachte Parisius. So lange stand die neue Kirche hier. Beinahe so lange, wie es hier keine gab. Dann drehte er die Öllampe etwas heller, und kratzte mit der Feder auf das Papier: "Die Kirche zu Großbeeren." Seine Hand stockte. Wenn man von der Kirche schreiben will, dann muss man von der Ruine schreiben, die zuvor dort stand. Und wenn man von der Ruine schreiben will, muss man von der Kirche schreiben, die Ruine wurde. Das war klar. Also Kirche, Ruine, Kirche...Parisius runzelte die Stirn. Was würde wohl in 100 Jahren an ihrem Platz sein? Unvorstellbar. Mitten in diese Überlegungen drang von draußen ein unbestimmter Lärm ein. Wie der dumpfe Niederschlag hunderter Hufe. Vereinzelte Schreie durchschnitten die Nacht: "Sie kommen." Der Pfarrer eilte die Treppe hinunter ins Freie. Kleine Sterne tanzten am Horizont. Je größer sie wurden, desto lauter wurde das rhythmische Hämmern der Pferdehufe. Er hatte den Eindruck, dass die Erde beben müsste. Die nahenden Reiter warfen ihre Fackeln auf die Strohdächer und drangen in die Gehöfte ein. Bald strömten sie auf die Dorfstraße, die ersten Häuser gerieten in Brand. Mit dem Kantschu peitschten sie jeden, der in ihre Nähe geriet oder einen Löschversuch unternehmen wollte. Betäubt vom Geschehen drückte sich Parisius in den Schatten der Friedhofsmauer. Ein Gefühl der Unwirklichkeit beschlich ihn. Was war passiert? Im Schein ihrer Fackeln sah er ihre hohen, als Papacha bekannten Fellmützen. Ihre blauen Uniformen wirkten abgenutzt. Unaufhörlich knallten ihre Peitschen. Er kannte sie aus Beschreibungen und Bildern. Es mussten Kosaken sein. Einer von ihnen deutete auf die Kirche. Schon sammelte sich ein Pulk und es schien, als wenn sie genau auf Parisius zu hielten. Unter Gejohle galoppierten sie auf die Kirche zu, sprangen über die Mauer und warfen Fackeln auf ihr Dach. Parisius drehte sich um. Sofort griffen die Flammen auf den Turm über. Er schwitzte, als wenn die Hitze der Flammen in seinem Gesicht loderten... Da öffnete er die Augen. Es war Morgen. Er musste über der Lektüre Kortums am Schreibtisch eingeschlafen sein. "Was für ein schrecklicher Alb", raunte der Pfarrer. Sofort ergriff er die Feder, aber die Tinte war getrocknet. Er blätterte noch einmal in den Aufzeichnungen von seinem Vorgänger. Dann begann er zu schreiben. "Die Glocken waren beim Brande geschmolzen und in die Asche geflossen. Man suchte das Glockengut mühsam zusammen und ließ mit Hilfe eines kleinen nach dem Kriege geretteten Kapitals von etwa 80 Thalern zwei neue Glocken gießen, die man in einem Holzgerüst neben der Kirchenruine aufhing. Das geschah 1767 und 1770."

Krischan Orth

Manfred Michael

RSSPrint

Letzte Änderung am: 15.05.2020