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Trauer hat heilende Kraft

„Ich hätte nicht gedacht, dass die Trauer so weh tun kann“, sagt die junge Frau, die mir weinend gegenüber sitzt. Vor fünf Monaten ist ihre Mutter im Diakonie-Hospiz Wannsee gestorben. Seitdem hat sich in ihrem Leben viel verändert, nichts ist mehr, wie es einmal war. Sie beschreibt, wie schwer es ihr fällt, sich zu konzentrieren. Oft kann sie nicht schlafen, ist unruhig, hat keinen Appetit. Immer wieder kreisen ihre Gedanken um die letzten Stunden, Tage und Wochen. Und sie fragt sich, hat sie alles richtig gemacht? Hätte sie nicht noch mehr Zeit mit ihrer Mutter verbringen sollen? Wann hört das endlich auf? Manchmal wartet sie auf den abendlichen Anruf oder will selbst zum Telefon greifen, um die Mutter anzurufen und mit ihr zu sprechen. Dann erst fällt ihr ein, dass da niemand abnehmen wird. Und der Schmerz ist wieder da.

So geht es vielen Trauernden. Es gelingt ihnen nicht, sich in dem veränderten Leben ohne den geliebten Menschen zurechtzufinden. Sie verstehen nicht, was da plötzlich für ganz unterschiedliche Emotionen in ihnen aufflackern. Und viele Trauernde fühlen sich allein, von der Umwelt unverstanden. Manche schämen sich ihres Schmerzes.

Trauer ist eine tiefgreifende menschliche Erfahrung, die uns durch unser ganzes Leben begleitet. Sie ist der seelische Schmerz über einen Verlust oder ein Unglück. Von seinem Wortstamm her bedeutet Trauer sinken, fallen, matt werden. Sie ist keine Krankheit und muss deshalb auch nicht behandelt werden. Trauer ist zumutbar, auch wenn sie schmerzlich ist.

Die meisten Menschen verarbeiten ihre Trauer gut und können sie mit der Zeit immer besser in ihr Leben integrieren.

Nach meiner Erfahrung hat Trauer in unserer Gesellschaft keinen besonders großen Stellenwert. Von Trauernden wird häufig erwartet, dass sie nach kurzer Zeit wieder zu ihrem normalen Leben zurückkehren. Trauerforscher hingegen sprechen heute von einer sehr langen Zeit der Trauer von mehreren Jahren. Dabei wird dieser Prozess sehr individuell erlebt und verläuft nicht gradlinig.

In der Hospizarbeit ist die Begleitung Trauernder ein festes Angebot. Einmal im Monat findet in den Räumen der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde ein Trauercafé als niederschwelliges Angebot statt. Ab dem  zweiten Quartal 2019 wird es monatlich einen Spaziergang für Trauernde an einem Wochenende geben. Für die TeilnehmerInnen ist es wichtig, mit anderen Betroffenen ins Gespräch zu kommen, zu hören, welche Erfahrungen andere gemacht haben, um Impulse für die eigene Trauerverarbeitung zu bekommen. Etwa einmal im Jahr bieten Mitarbeiter des Diakonie-Hospiz Wannsee eine Trauergruppe an, ein verbindliches Seminar an sechs Nachmittagen, in denen intensiv zu verschiedenen
Gesichtspunkten der eigenen Trauer gearbeitet wird. Und selbstverständlich können Trauernde auch immer in Einzelgesprächen mit hauptamtlichen oder ehrenamtlichen MitarbeiterInnen über ihre Sorgen, Probleme, Ängste sprechen. Bei den verschiedenen Angeboten soll die Trauer und der Schmerz nicht zugedeckt, sondern ausgelöst werden. Auch geht es nicht darum, den Verstorbenen loszulassen, sondern ihm einen neuen Platz im Leben zu geben. Die Trauer wird mehr und mehr in das Leben integriert und gehört nun dazu. Sie wird sich verändern, verwandeln, aber nicht aufhören. Das zu erleben, kann Trauernde sehr entlasten.

Ich grüße Sie aus dem Diakonie-Hospiz Wannsee und wünsche Ihnen, dass Sie sich in allen Begegnungen mit Trauernden auf deren individuelle Situation einlassen können.

 

Angelika Behm
Geschäftsführerin Diakonie-Hospiz Wannsee
Trauer- und Hospizbeauftragte des Kirchenkreises Teltow-Zehlendorf
14109 Berlin, Königsstr. 62B
Tel. 030/80505702
www.diakonie-hospiz-wannsee.de

Diakonie-Hospiz Wannsee
Begleitung im Sterben – Hilfe zum Leben

RSSPrint

Letzte Änderung am: 29.06.2019