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Von Feinden zu Freunden

Nach 1945 begann sehr schnell der „Kalte Krieg“. Wir in West-Berlin spürten ihn besonders. Die „Russen“ wurden nach wie vor als Feinde angesehen, während sich die Beziehungen zu den westlichen Kriegsgegnern schnell verbesserten, ja – sie wurden zu Freunden. Doch der Ruf nach Versöhnung auch mit den Menschen in der Sowjetunion wurde langsam lauter. Und so knüpfte die Berliner Landeskirche Anfang der 1980er Jahre Beziehungen zu der Stadt Wolgograd, wie Stalingrad seit 1961 heißt. Im November 1988 setzte die Zehlendorfer Kreissynode den Arbeitskreis Partnerschaft Wolgograd ein. Die guten Erfahrungen mit gegenseitigen Besuchen im Rahmen der landeskirchlichen Partnerschaft und die Aufbruchstimmung, die durch Perestroika und Glasnost in der Sowjetunion unter Gorbatschow herrschte und uns in Deutschland neugierig machte, hatte den Boden dafür bereitet. Seitdem unterstützen der Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf und viele seiner Gemeinden die Arbeit des Partnerschaftskreises finanziell und durch große Hilfsbereitschaft bei der Verwirklichung der einzelnen Projekte.
Was ist seit 1989 geschehen? Der Arbeitskreis hat 76 Begegnungen von Schulgruppen, Jugendgruppen, Chören, Studierenden, Theologen, Sozialarbeitern sowie Vertretern des Stadtbezirkzentrums und unseres Kirchenkreises veranstaltet. Rund 750 Personen aus Wolgograd und Berlin waren an den Besuchen direkt beteiligt. Nicht mitgezählt sind die vielen Menschen auf beiden Seiten, ohne die die Begegnungen nicht denkbar wären: Sie waren Gastgeber, haben bei der Organisation geholfen, die Gäste begleitet, als Dolmetscherinnen für Verständigung gesorgt, Auftrittsorte bereitgehalten, Gespräche geführt. Nicht zu vergessen seien auch die vielen Konzertbesucher, die sich am Gesang der Chöre und an der russischen Musik erfreut haben.
Besonders hervorheben wollen wir die Gründung des ökumenischen runden Tisches in Wolgograd, der von unserem Kirchenkreis angeregt und unterstützt wurde, das dreimonatige Praktikum, das vier angehende Sozialarbeiter 1993 in Berlin absolvieren konnten, die langjährige Unterstützung des Heims für behinderte Kinder Maljutka, die alljährlichen Besuche des Universitätsdozenten Dr. Andrej Kaden mit Schülergesprächen und die Beziehungen zum Wolgograder Knabenchor, der uns seit vielen Jahren mit neuen Kindern und stets berührender Musik in Berlin besucht und den Aufenthalt unserer Gruppen in Wolgograd wesentlich mitgestaltet. Uns ist bei der Partnerschaft wichtig, in Wolgograd bürgerschaftliches Engagement zu unterstützen, im sozialen Bereich Hilfestellung zu leisten und Kontakt mit der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Sarepta und mit der russisch-orthodoxen Kirche zu halten.
Als Fazit der 30-jährigen Partnerschaft möchten wir festhalten: Für viele Menschen in unserem Kirchenkreis bedeutet „Stalingrad“ nicht mehr nur die Erinnerung an die fürchterliche Schlacht vor 75 Jahren. Durch die Begegnungen hier und in Wolgograd haben wir viele russische Menschen kennengelernt. Sie sind uns offen und herzlich begegnet, sie haben uns ihre wieder aufgebaute Stadt an der Wolga gezeigt mit den vielen Erinnerungsstätten an den Krieg, sie haben uns in die großartige Landschaft begleitet und mit der russischen Kultur vertraut gemacht. Wir haben uns gegenseitig unser Zuhause geöffnet, mit Familie und Freunden gemeinsam gegessen und aus dem Leben erzählt. Wir sind froh und dankbar, dass wir Freunde geworden sind – trotz der schmerzvollen Vergangenheit. Und wir hoffen, dass unsere Beziehungen in Zukunft bestehen bleiben und noch enger werden.
Am Sonntag, dem 4. November, um 18.00 Uhr, wollen wir unser Jubiläum festlich begehen mit einem Abend der Begegnung in der Johanneskirche in Schlachtensee. Wir laden Freunde und Freundinnen unserer Partnerschaft und alle, die an ihr interessiert sind, herzlich dazu ein.

Gisela Krehnke und Irma Petto
Arbeitskreis Partnerschaft Wolgograd

RSSPrint

Letzte Änderung am: 01.11.2018