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Gedanken zur Monatslosung - Celine van der Hoofd

„Dient einander, als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat.“ (1.Petrus 4,10)

Da ist sie wieder, eine Situation schon so oft erlebt und doch … jedes Mal aufs Neue hat man das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. Was war passiert? Ich habe Nein gesagt, habe eine persönliche Grenze gezogen, war nicht mehr bereit ohne Rücksicht auf Verluste zu agieren. Das, was schlussendlich mich jedoch in die Defensive drängt sind die Vorwürfe, diese Worte, die eigentlich eine Verurteilung, eine Beschuldigung beinhalten, die mir jegliches Recht absprechen in so einer Situation Nein zu sagen.

Grenzen … das ist eigentlich, wenn man es sich genauer überlegt, der Schlüsselbegriff der vergangenen Wochen. Es ist das Wort, das in der Situation, in der wir zurzeit stehen am Häufigsten verwendet wird. Doch auf der anderen Seite steht das was wir können und meinen tun zu müssen, dort steht die Erwartungshaltung nicht nur von mir selbst, sondern auch meiner Umgebung an mich: Ich habe Gaben bekommen und die muss ich unter allen Umständen einsetzten und nutzen! So scheint es auch der Monatsspruch von Mai zu sagen:

Und dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes.

Wir sollen einander dienen, dienen mit den Gaben, den Möglichkeiten, dem Können, das wir von Gott erhalten haben. Es sind schlussendlich alles Gnadengaben, so zumindest könnte die Auslegung dieses Verses sein und damit wäre dann alles gesagt.

Doch ist damit wirklich alles gesagt? Ich denke nicht. Der Vers spricht auch davon, dass wir Haushalter dieser Gaben sind. Das heißt, wir haben auch eine Verantwortung und diese Verantwortung liegt in erster Linie nicht im Dienen, so wie es gerne ausgelegt wird. Diese Verantwortung beginnt schon viel früher, nämlich in dem Moment, in dem ich diese Gaben erhalte. Mit jedem Geschenk, mit jedem Gebrauchsgegenstand muss ich mich erst vertraut machen, damit ich es nicht gleich bei der ersten Nutzung zerstöre. Jeder Motor, jedes Auto hat seine Grenzen. Belastungen über diese Grenzen hinaus führen unweigerlich dazu, dass der Motor kaputt geht. Normalerweise so sehr, dass er nicht mehr zu retten ist und nur noch entsorgt werden kann. Vielleicht sind noch Einzelteile brauchbar. Doch als Motor, also für das was er eigentlich gedacht war, ist er nicht mehr brauchbar.

Ich werde nachts wach, die Gedanken und Zweifel, die mich beim Einschlafen begleiteten, lassen mir auch im Schlaf keine Ruhe. Besonders der Vorwurf, ich sei doch kirchlich engagiert, wühlt mich sehr auf. Hier ist es wieder dieses Stigma, das kirchliche Menschen immer für ihre Nächsten da zu sein haben. Dieser Vorwurf, diese Erwartung, hat mich verletzt, gerade weil die Kirche, mein Glaube das ist, was mir so unendlich wichtig ist in dieser Zeit. Jetzt wird mir vorgeworfen, dass mein Nein nicht vereinbar ist mit dem was ich nach außen trage. Habe ich als Christ wirklich nicht das Recht Nein zu sagen, auch wenn ich faktisch das Können zum Handeln habe? Ein Gedanke löst den nächsten aus. Wo beginnt meine Verantwortung, wo endet sie? Und was ist das für eine Verantwortung, die ich habe?

Auch an unser Gewissen, an unser Verantwortungsgefühl wird in dieser Zeit immer wieder appelliert. „Stay at home“ hört und liest man überall. Zuhause bleiben, von oberster Stelle „angeordnet“ und auf der Leiter der Hierarchie nach unten weitergegeben, immer mit dem Hinweis, dass wir auch eine Verantwortung tragen unseren Mitmenschen gegenüber. Wenn wir diese Verantwortung nicht wahrnehmen, bringen wir Leben in Gefahr.

Ich bin ein sehr kritischer Geist, was solche Anordnungen, die „von oben“ kommen betrifft. Das liegt mir wohl im Blut. Aber in diesem Fall sagt einem schon der gesunde Menschenverstand: Ja, sie haben Recht und ja, ich habe eine Verantwortung meinen Mitmenschen gegenüber, nämlich die Verantwortung, niemand unnötig in Gefahr zu bringen.

Aber darüber hinaus, so wird mir klar, unabhängig von dieser Pandemie, habe ich eine Verantwortung mir gegenüber. Nicht aus egoistischen Beweggründen, sondern weil ich, neben all den anderen Gaben, auch ein Leben geschenkt bekommen habe und dieser erste Auftrag Gottes an uns Menschen ist eben LEBEN. Diesem meinem Leben gegenüber habe ich eine Verantwortung und die beginnt damit, dass ich akzeptiere, dass mir, das meinem Leben ganz irdische Grenzen gesetzt sind, über die ich nicht hinweggehen darf. Und das ist schlussendlich auch, wenn ich diesen meinen ersten Auftrag ernst nehme, meine Verantwortung meinen Gaben gegenüber. Als guter Haushalter, wie es unser Vers ausdrückt, muss ich meine Gaben nicht nur nutzen, sondern sie auch schützen und pflegen, damit sie mir erhalten bleiben, dann auch wieder zum Dienst am Nächsten.

Irgendwann, kurz bevor ich wieder einschlafe, dämmert mir die Erkenntnis: Ja, ich habe das Recht Nein zu sagen, nicht weil ich egoistisch handele, sondern weil ich eine gottgegebene Verantwortung mir selbst gegenüber habe. Allerdings muss ich lernen mit dem Unverständnis meiner Umwelt umzugehen. Doch unterm Strich:Ich bin nicht meiner Umwelt Rechenschaft schuldig, ich bin meinem Gott, der mich geschaffen und mir eben dieses Leben und diese Gaben als Auftrag gegeben hat, Rechenschaft schuldig. Dafür muss ich keinen Rechenschaftsbericht vorlegen.Wie drückt es der Monatsspruch von Juni so passend aus:Denn du allein kennst das Herz aller Menschenkinder(1. Könige 8,39)

Während ich dies schreibe bin ich mir bewusst, dass dies wohl in kommender Zeit für manchen von uns ein ganz persönliches Thema werden wird. Ich finde es toll, wie gesellschaftliche Strukturen ganz neu definiert werden, wie das soziale Engagement, wie die Mitmenschlichkeit einen ganz neuen Stellenwert bekommt. Aber ich wünsche auch jedem von uns, dass er Grenzen setzten kann und dass diese auch von seiner Umwelt akzeptiert werden. Nur so bleiben wir auch in Zukunft empathisch und handlungsfähig.

In diesem Sinne:Achten Sie auf sich, bleiben Sie behütet und gesund!

 


Letzte Änderung am: 30.04.2020